Was Führung alles muss - Eine Frage, die viele Begleiter:innen umtreibt, die Unsicherheiten und Schuldgefühle bei Führungskräften auslösen kann und die das Potential in sich trägt, eine der System-funktionalen Bedeutungen von Führung aus den Augen zu verlieren. Aber vielleicht starte ich lieber nicht mit dem dritten vor dem ersten Schritt und gehe noch einmal zwei Stufen zurück.
Man kann in der jeweiligen Social-Media-Bubble, in der man sich notgedrungen befindet, ja aus allerlei Quellen bunte Bilder ansehen, was Führung nicht so alles können und sollen muss. Welchen Coaching-Anteil sie benötigt, über welche Theoriemodelle sie Bescheid wissen und wie viele Superkräfte sie so anwenden muss. Und das ist auch alles nicht falsch, darum geht es mir in diesem Artikel nicht. Diese ganzen Modelle und Theorien sind wichtig und gleichzeitig bedienen sie eine m.E. wesentliche Frage nicht: nämlich, dass man das alles benötigt, um die Führungskraft zu sein, die eigentlich welche Organisation genau braucht?
Es wird grob gesprochen, also häufig der Reiter beschrieben, aber nicht das Pferd, das ihn trägt und für welches er Verantwortung übernimmt.
Es wird also die Dimension der Umwelt außer Acht gelassen/vergessen, die ihrerseits einen wesentlichen Einfluss auf den Handlungsraum einnimmt, der der Führungskraft realistischerweise, in den Dimensionen Zeit und Soziales gegeben ist. Durch einen weiten oder eng gefassten Raum, ergeben sich Möglichkeiten in offener oder begrenzter Weise, ergeben sich Zwänge oder Chancen. Warum ich das hier jetzt schreibe, aus mehreren Gründen und davon einem Speziellen, dem ich kürzlich in einer Begleitung begegnet bin:
Eine erfahrene (viel gesehen/viel gelesen/mittleren Alters) Führungskraft möchte ein neu zusammengesetztes Team - erfahrene Kolleg:innen und Berufseinsteiger:innen - zusammenführen und holt sich dafür externe Unterstützung. Der Workshop verläuft zäh und es zeigt sich für den Begleiter, wie wichtig dieser eingeleitete Prozess für das benannte Ziel der Führungskraft ist.
Die gestandenen Kolleg:innen zeigen demzufolge im Feedback auch nicht ganz überraschend ihre Zähne und positionieren sich im Anschluss gegen die Begleitung und stellen den Prozess in Frage. Eine Situation, wie sie im Lehrbuch nicht besser beschrieben werden könnte. Die Führungskraft wird nun in der Auswertung mit ihren Mitarbeitenden mit folgender Paradoxie konfrontiert: Ich brauche die Personen, wer macht sonst die Arbeit - ich brauche aber auch Veränderung, denn wie kommen sonst die Neuen ins Team. Breche ich den Prozess ab, weil die Widerstände sonst zu groß werden?
Die Spannung, der die Führungskraft unterliegt, ist so enorm, dass sie der Begleitung gegenüber unsicher wird und die eher die Position der ablehnenden Kolleg:innen vertritt als ihre eigene - der Prozess ist richtig und wichtig. Nach einer halben Stunde gemeinsamen Termins steht dann fest:
Der Prozess geht weiter, die Führungskraft hat sich entschieden, der Begleitung zu vertrauen und aus dem durch die Mitarbeitenden angebotenen “entweder oder” ein “sowohl als auch” zuzulassen.
Ich habe bei diesen Formen von Entscheidungsprozessen für jede Führungskraft Respekt, die eine Haltung zeigt und gleichzeitig im geschützten Raum ihrer Unsicherheit über die “richtige Entscheidung” Luft lässt. Das ist m.E. ein Kriterium von vielen, das Führungskräfte in komplexen Organisationen benötigen, um bestehen und langfristig erfolgreich zu sein: zu erkennen, dass man selbst nicht alles selbst lösen kann und man auch externe Unterstützung annehmen kann und manchmal auch sollte.
Was braucht also gute Führung generell? Ganz eindeutig: es kommt drauf an!
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