Ein Spoiler vorab. Vielleicht ist dieser Artikel nicht für alle etwas, da man sagen könnte: nun man kann aber auch alles mögliche irgendwie vergleichen. Mag sein, werde ich darauf erwidern: Für mich hat sich dieser Vergleich ergeben. Für andere gilt vielleicht etwas anderes.
Denn ja, ich mag ihn gern, den Blick in die Natur, wenn es um Vergleiche mit Themen aus meiner Begleiterpraxis geht. Sei es, weil ich mich als Hundebesitzer selbst viel und gern in der Natur aufhalte, sei es, dass es für mich einen gewissen Reiz hat, Muster in der Natur zu erkennen, die es auch im Begleitungsalltag gibt. Es beruhigt mich irgendwie, da ich dann immer das Gefühl habe, einer Lösung für Probleme auf die Schliche gekommen zu sein.
Nun aber zum Kern dieses Beitrags. Denn neben den vielen guten Fachbüchern, die auch ich als Begleiter zur stetigen Erweiterung meines eigenen Horizonts und meiner Perspektiven lese, nehme ich auch gern scheinbar fachfremde Bücher in die Hand. Dabei wundere ich mich manchmal selbst über die Auswahl, da ich mich an dieser Stelle sehr von meinem Bauchgefühl leiten lasse. So ist mir als letzter Fang das wunderschöne Buch von Sy Montgomery mit dem Titel “Rendevouz mit einem Oktopus” ins Netz gegangen. Irgendetwas sagte mir, ich solle es einfach kaufen und nicht zu viel darüber nachdenken, ob das jetzt sinnig ist. Zum Glück.
Denn dieses Buch handelt im Kern von dem Wunsch eines Menschen nach Veränderung und darum, diese Veränderung durch Kontakt - physisch und emotional - zu Oktopussen zu erzielen. Dabei werden allerlei wissenswerte Themen über Oktopusse genauso behandelt, wie Anekdoten aus dem Alltag eines Aquariums, in denen die Oktopusse ihre Charaktereigenschaften präsentieren und für Verwunderung sorgen.
Anders als bei Fachliteratur, wo bereits der Titel den Pfad des Denkens vorbestimmt und es zur Verknüpfung zu anderen Themenbereichen manchmal ein etwas holpriger Weg ist, entwickelten sich beim Lesen dieses Buches unterschiedliche Pfade zu dem, wie das, was durch die Autorin beschrieben wird in den Kontext Systemischer Begleitung eingeordnet werden kann und für diesen auch verwendbar ist.
Und was haben Change-Prozesse jetzt mit diesen tollen Tieren gemein? Aus meiner Sicht mindestens die folgenden fünf Dinge:
1.Sie sind hoch komplex
Change Prozesse sind mehr als Pflaster kleben. Es ist die berühmte Schnur, an der man zieht und sich überall neue Themen öffnen, denen Bedeutung beigemessen werden kann. Der Oktopus selbst ist ebenfalls ein hoch komplexes Geschöpf, da seine Arme z.B. Funktionen des Gehirns ersetzen.
2. Sie sind überraschend
Aufgrund des Komplexitätsgrades ergeben sich an jeder Ecke des Prozesses potentiell überraschende Momente. Beteiligte steigen aus, Konflikte öffnen sich, ungeahnte Lösungsräume kommen zum Vorschein. Was zählt, ist der Mut zur Bewegung. Und der Oktopus? - Nun, wussten Sie, dass der Oktopus mit seiner Haut sehen kann und sich deshalb so schnell mit den Farbmustern seiner Umgebung verbinden kann?
3. Es kommt auf die Details an
Komplexität und Überraschung sind Einladungen dafür, dass die Sensibilität in Begleitung und Durchführung des Change für Details geschärft wird. Wie verhalten sich die Beteiligten in Workshops und was lässt sich daraus ablesen? Wurden alle Beteiligten eingeladen oder berücksichtigt und haben sie das auch so wahrgenommen? Die Arme eines Oktopus haben eine solche Zugkraft, dass ein 40cm großer Oktopus ohne Mühe einen Menschen mit 70kg und unsicheren Stand in sein Aquariumbecken ziehen könnte, wenn er es denn drauf anlegte.
4. Man kann sie nur bedingt verstehen
Ein hoher Grad an Komplexität, Überraschendes, Detailsensibilität - einen Change Prozess von vorn bis hinten durch zu organisieren ist - so behaupte ich - nicht möglich. Daher gilt es, den Prozess abzusichern. Austausch zwischen den führenden Personen ist dabei genauso entscheidend wie deren Reaktionsfähigkeit und Wille für Veränderungen und veränderte Anforderungen. Der Oktopus - Wäre er ausschließlich ein Schalentier und würde nach den Eigenschaften dieser Gattung agieren, könnte er nicht die Dinge, die er kann. Er könnte z.B. keine Formen des Spiels durchführen, wie er sie allerdings für sich entwickelt.
5. Sie machen unglaublich viel Spaß
Und die Kombination aus all diesen Dingen im Change - neben so vielen anderen, die hier keine Benennung erfahren haben - macht Prozesse in diesem Themenfeld so spannend und macht so viel Freude. Neue Dinge passieren, obwohl Change Prozesse in Kategorien verglichen werden können, unterscheiden sie sich doch mindestens in Details immer und das macht es unter anderem auch für Begleiter:innen möglich, aus und mit ihnen zu lernen und zu wachsen. Und da schließen sich auch die Oktopusse an. Sie bieten uns viele Möglichkeiten uns zu wundern, zu begeistern und von ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und sich durchzusetzen zu lernen.
Denken Sie also ruhig nicht erst bei Ihrem nächsten Aquarium-Besuch an diesen Artikel und überlegen Sie doch einmal: was begeistert mich am Change eigentlich - und vielleicht sehen Sie ja auch etwas, das Sie am Oktopus begeistert.
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